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AUGEN AUF | No10 | Pinocchio


Pinocchio ist eine Kinderbuchfigur des italienischen Autors Carlo Collodi. In diesem Artikel geht es um die Bedeutung von Bildung, in Verbindung gebracht mit Pinocchio.



WER oder was ist pinocchio?

Pinocchio ist eine Kinderbuchfigur des italienischen Autors Carlo Collodi. Bekannt wurde sie vor allem, als 1881 in einer italienischen Wochenzeitung unter dem Titel Le Avventure Di Pinocchio: Storia Di Un Burattino (Abenteuer des Pinocchio: Geschichte eines Hampelmanns) die ersten kleinen Fortsetzungsgeschichten mit der Holzfigur Pinocchio erschienen. Die Serie wurde damals so populär, dass Collodi 1883 beschloss, ein Buch daraus zu machen und unter dem Namen Le avventure di Pinocchio zu veröffentlichen.

 

Der Stoff regte verschiedene Schriftsteller zu Adaptionen an, so zum Beispiel Alexei Nikolajewitsch Tolstoi (Burattino oder das goldene Schlüsselchen) und Sitta Kleinschmidt mit dem Märchen Dulldei und Maika – Ein Märchen aus dem Dämmerwald.

 

Der Film Pinocchio, in Deutschland ursprünglich unter dem Titel Pinocchio, das hölzerne Bengele veröffentlicht, erschien 1940 und ist der zweite abendfüllende Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios nach Schneewittchen und die sieben Zwerge.


Pinocchio und die Bedeutung von Bildung

Pinocchio ist der Hauptdarsteller der "Die Abenteuer des Pinocchio" von Carlo Collodi und eine der bekanntesten Zeichentrickguren, dank seines Sprunges auf die große Leinwand, zu dem ihm die Macher von Disney verhalfen. Doch wir fanden ihn auch in Büchern, Theater und Fernsehen.

 

In der kollektiven Vorstellung ist Pinocchio der Holzjunge, dessen Nase jedes Mal wächst, wenn er eine Lüge erzählt, doch "Die Abenteuer des Pinocchio" handelt nicht nur von Kinderlügen.

 

Hier möchten wir uns auf die Version von Disney konzentrieren, da diese wohl die bekannteste ist, trotz der vielen Unterschiede, die zum Original bestehen. Der Film wurde 1940 uraufgeführt und zeigt die Bedeutung von Bildung im Kindesalter, und damit vermittelt er nach wie vor gültige Inhalte. Da der Alltag dieser Zeit ganz anders aussah als der heutige, ist es aber auch wichtig, den Kontext zu berücksichtigen, in dem der Film angesiedelt ist. Die Welt hat sich seit 1940 stark verändert und wenn wir diesen geliebten Charakter heute sinnvoll auftreten lassen wollen, müssen wir ihn ins 21. Jahrhundert mitnehmen.


Pinocchio und andere Erzählungen

Zu Beginn des Films blicken wir auf drei Bücher: Alice im Wunderland, Peter Pan und Die Abenteuer des Pinocchio. Pepito Grillo öffnet letzteres und die Geschichte beginnt. Die Anspielung auf die anderen zwei Werke ist gewollt, da sie beide ein Jahrzehnt später in animierter Version von Disney veröffentlicht werden sollten. Wenn wir die drei Werke vergleichen, können wir Parallelen finden.

  • Die Protagonisten sind Kinder, die nicht erwachsen werden wollen oder Schwierigkeiten damit haben, erwachsen zu werden.
  • Die Kinder in den Werken stellen viele Fragen, sie sind neugierig.
  • Alle drei Werke vermitteln moralische Lehren, zeigen, was richtig und was falsch ist.
  • Diese drei Erzählungen kritisieren verschiedene Aspekte der Gesellschaft, insbesondere im Bereich der Bildung.
  • Tiere mit menschlichen Eigenschaften spielen wichtige Rollen.

Wir könnten jede einzelne dieser Geschichten gründlich analysieren, aber heute werden wir uns auf Pinocchio und einige seiner wichtigsten Aspekte konzentrieren.


Die Geburt von Pinocchio, dem Jungen aus Holz

Pinocchio ist eine Marionette, die von Geppetto gefertigt wurde, einem ehrlichen, fleißigen und gutherzigen Mann. Man erkennt in Geppetto von Anfang an seinen väterlichen Instinkt. Man kann ihn in der Art sehen, wie er sich um seine Haustiere kümmert: um Figaro, die Katze, und Cleo, den Fisch. Er behandelt sie, als wären sie Teil seiner Familie. Gemeinsam mit ihnen hat er sich ein Zuhause geschaffen und verhält sich wie ein Vater, doch er sehnt sich danach, ein richtiges Kind zu haben, und wünscht sich, dass Pinocchio am Leben wäre.

 

Die blaue Fee wird dafür verantwortlich sein, den Wunsch von Geppetto zu erfüllen und Pinocchio zum Leben zu erwecken. Es ist kein Zufall, dass die Puppe aus Holz ist, da dieses Material in der Mythologie mit der Schöpfung in Verbindung gebracht wird. Pinocchio wird ein Junge aus Holz bleiben, bis er zeigt, dass er bereit ist, ein richtiger Junge zu werden.

 

Die Fee gibt Pepito die Aufgabe, Pinocchios Gewissen, sein Lehrer für’s Leben zu sein. Dass die Fee in Form einer Grille dargestellt wird, ist übrigens auch kein Zufall, denn in vielen Kulturen gilt sie als Symbol für Glück und Weisheit. Die blaue Fee symbolisiert die Mutter, die Pinocchio niemals hatte, sie schenkt ihm sein Leben und erscheint immer dann, wenn er sie am meisten braucht.


Der Weg des Lebens

Ernste Probleme treten auf, als Pinocchio lernen muss, das Gute vom Bösen zu unterscheiden und Versuchungen zu widerstehen. Pepito Grillo wird versuchen, ihm zu helfen, obwohl er dabei viele Male versagt. Denn Pepito Grillo ist klein und manchmal schwer zu hören, wie die innere Stimme des Gewissens, von der er spricht.

 

„Was ist das Gewissen? Ich werde es dir sagen.

Das Gewissen ist diese schwache innere Stimme, 

auf die niemand hört; deshalb ist die Welt so schlecht.“

Pepito Grillo

 

Am nächsten Morgen verlässt Pinocchio das Haus und macht sich auf den Weg zur Schule. Die Kreuzung, an der er stehen bleibt, ist eine Metapher für den Weg des Lebens, auf dem wir Hindernisse überwinden müssen, um Gutes zu erreichen. Doch in vielen Fällen ist es leicht, vom Weg abzukommen, und schwer, wieder zurückzufinden. Pinocchio ist weder gut noch schlecht, doch er muss lernen, wachsen und reifen, um Weisheit zu erlangen und als Konsequenz den richtigen Weg wählen zu können. Aufgrund seiner Unschuld und seiner Unkenntnis der Welt wird er auf Hürden stoßen, die ihn herausfordern und die er überwinden muss.

 

Auf seinem Weg trifft er auf zwei Betrüger: einen Fuchs, der als der ehrliche John bekannt ist, und seinen Freund, die Katze Gideon. Auch die Wahl dieser Tiere geschah nicht zufällig, da man üblicherweise die Figuren von Fuchs und Katze mit List und vielleicht auch Verrat assoziiert. John und Gideon sind ignorant und können weder lesen noch schreiben, doch sie sind gierig und nutzen Pinocchios Unschuld aus. Dieser erliegt der Versuchung, ein Künstler zu sein und ohne jede Anstrengung Gewinne zu erhalten.

 

Bildung vermeidet Täuschungen,

der Analphabetismus macht uns verletzbar.

 

Pinocchio arbeitet als Marionette für Stromboli, er singt und tanzt, er bewegt sich ohne Fäden, niemand steuert ihn. Hier kann man die Ironie und Metapher der Marionette beobachten: Eine Marionette bewegt sich nicht von allein, sie braucht ihre Fäden und jemanden, der sie bewegt. Doch Pinocchio braucht sie nicht. Er ist frei. Er entdeckt jedoch bald, dass Freiheit auch Verantwortung und Pflicht bedeutet.


Das Lernen und die Befreiung

Einmal aus Strombolis Obhut entflohen, tappt Pinocchio abermals in eine Falle vom ehrlichen John, der ihm ein Pik Ass gibt und ihn glauben lässt, dass dieses ein Ticket zur Insel der Spiele sei. Auf der Insel der Spiele sieht alles wunderbar aus, Kinder können spielen, essen, trinken, rauchen, gewalttätig sein … Man kann sie sogar dabei beobachten, wie sie das berühmte Gemälde Gioconda  von Da Vinci zerstören. Es gibt keine Gesetze und die Kinder sind frei. Sie wurden jedoch getäuscht, denn ihre Taten des reinen Spaßes enden damit, dass sie in einen Esel verwandelt werden. Esel, die zur Arbeit benutzt werden, was man dahingehend deuten kann, dass fehlende Bildung in der Sklaverei endet.

 

Schließlich entdeckt Pinocchio, dass Geppetto nach ihm Ausschau hielt und schließlich von einem Wal verschluckt wurde. Der besorgte Pinocchio beschließt, seine Fehler wiedergutzumachen und loszuziehen, um seinen Vater zu retten. Der Moment, in dem sie aus dem Inneren des Wals heraustreten, steht für Freiheit, für die Überwindung von Schicksalsschlägen und Türen, die das Wissen öffnet.


Die Lügen

Auf der anderen Seite spricht der Film das Thema der Lügen an. Man kann sehen, dass Pinocchio lügt, um sich selbst zu schützen, wie zum Beispiel, als ihn die blaue Fee fragt, warum er nicht zur Schule gegangen sei.

 

Pinocchio weiß, dass er etwas falsch gemacht hat und schützt sich selbst. Das ist ein instinktiver Abwehrmechanismus. Es ist weder eine vorsätzliche noch eine allzu aufwendige Lüge, es ist eine improvisierte Lüge. So wie Kinder lügen, um einer Strafe zu entgehen, wenn sie wissen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Diese Art von Lügen werden für gewöhnlich im Alter von vier bis fünf Jahren angebracht, obwohl sie sich in einigen Fällen festsetzen und sogar noch verstärken können.


Lernen, um frei zu sein

Es ist wichtig, den Film aus der Perspektive der Zeit zu betrachten, in der er entstanden ist. Analphabetismus war in den westlichen Ländern immer noch ein ernstes Problem und sowohl das Bildungssystem als auch das Familienmodell beruhten auf einer bestimmten Denkweise, unnachgiebig und unflexibel. Eine Denkweise, die in bestimmten Ecken der Welt – und in bestimmten konservativen Regionen der westlichen Welt – noch immer angewandt wird.

 

Die Botschaft, die uns Pinocchio hinterlassen hat, ist klar: Bildung befreit uns, Wissen führt uns zu guten Entscheidungen und lässt uns nicht auf Täuschungen hineinfallen.

 

Daher ist es unsere Verantwortung als Tutoren der kommenden Generationen, die Kinder so zu erziehen, dass sie frei sein können, kritikfähig werden und ein hohes Maß an Autonomie in ihren Entscheidungen erreichen.

 

Wir sprechen hier jedoch nicht nur von der Bedeutung von Bildung im akademischen Bereich, in Mathe, Sprachen oder Sport. Denn jegliche Bildung basiert auf der Fähigkeit, zu denken, zu überlegen, zu analysieren, kritisch zu sein… 

 

Jedes Kind ist eine Welt, hat seine eigenen Sorgen und darum ist es unsere Pflicht und gleichzeitig unser Privileg, uns um sie zu kümmern. Die Rolle des Lehrers ist wichtig, doch was noch mehr Arbeit ist, ist das, was die Eltern mit ihren Kindern zu Hause unternehmen, was sie ihnen dort beibringen. Die Grundlagen werden hier gelegt. Für Mathe, Sprachen und Sport ist der Lehrer da.

 

 

„Die erste Aufgabe der Erziehung ist es, das Leben zu erschüttern,

und es dann freizulassen, damit es sich entwickeln kann.“

Maria Montessori


*Pinocchio-Syndrom: Pathologische Lügner

Das Pinocchio-Syndrom ist in der Psychiatrie unter dem Namen “pathologisches Lügen“ oder “Mythomanie“ bekannt. Einige Forscher des menschlichen Geistes geben an, dass diese Pathologie durch den unvermeidbaren Zwang zu lügen charakterisiert ist.

 

Wenn wir jemanden im Erwachsenenalter beobachten, der sein Leben mit Lügen und Betrug füllt, dann stehen wir einem ernsthaften Problem gegenüber.

 

Manche Menschen lügen die ganze Zeit, um bestimmte Vorteile zu erreichen, aber pathologische Lügner lügen, ohne zu wissen warum. Ihre Lügen sind spontan und ungeplant. Wenn sie erst einmal dieser Dynamik von Täuschung und Unehrlichkeit verfallen, dann scheinen sie nicht mehr damit aufhören zu können. Manchmal halten sie ihre Lügen sogar über Jahre hinweg aufrecht. Die pathologischen Lügner wissen, dass sie lügen, aber sie schaffen es nicht, sich davon abzuhalten. Am Ende glauben sie ihre eigenen Märchen.


**Wie man einen pathologischen Lügner erkennt

  • Die Geschichten, die sie erzählen, sind weder komplette Wahnvorstellungen, noch sind sie komplett wahr. Sie neigen dazu, ein Körnchen Wahrheit zu besitzen.
  • Die Neigung, zu lügen, ist konstant da, denn sie ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das nicht von äußeren Situationen oder deren sozialem Umfeld abhängt.
  • Ihre Geschichten und Lügen dienen meist dazu, den Lügner in einem positiven und vorteilhaften Licht dastehen zu lassen.
  • Der zwanghafte Lügner glaubt wirklich, dass die ausgedachten Ereignisse genau so statt gefunden haben. Sie verneinen durchgehend, dass diese Ereignisse Fantasien sind, die aus ihrem Geist entsprungen sind.

 

Mythomanie ist nicht primär tödlich, aber weit davon entfernt, harmlos zu sein. Diese Krankheit hat Nebeneffekte auf vielen verschiedenen Ebenen. Im sozialen Umfeld ist es wahrscheinlich, dass der Mythomaniak seine Glaubhaftigkeit verliert und so oft als “Geschichtenerzähler“ abgestempelt wird. Innerhalb der Familie wird er als eine umstrittene Person angesehen und eine, in die man sein Vertrauen nicht setzen sollte. Bekannte und Freunde neigen dazu, sich zu distanzieren oder die Person wird aus der Gruppe ausgeschlossen.

 

 

Die einzige Behandlung für Menschen mit dieser Art von Syndrom ist eine Psychotherapie. Allerdings gibt es bis heute noch keine Studien auf diesem Gebiet, die eine definitive Heilung des Patients bestätigen könnten.


DIE NEUEN ABENTEUER VON PINOCCHIO, 2001


QUELLEN & Inspiration:

Leben, Wikipedia.org, Gedankenwelt.de, myzitate.de & Youtube.com. Bild via marluuna.over-blog.com.